Ein Drahtseilakt unter dem Himmel

Es mag seltsam klingen, aber jeder Titel der Werke, die ich im Laufe der Jahre erschaffen habe, scheint wie das i-Tüpfelchen zu meinem Leben zu passen; so auch «Tightrope walking beneath heaven» – ein symphonisches Gedicht aus dem Jahre 1993.

Die Titel sind zu sich selbst bewahrheitenden Vorahnungen geworden. Ich kann das genau erkennen und stelle fest, dass ich die Titel dessen bin, was ich erschaffe: Ich gehe auf dem Drahtseil unter dem Himmel durch das Leben. Ich kann an dieser Situation nichts ändern, aber ich muss mit meinen Augen einen außenliegenden, weit entfernten Punkt fixieren, um nicht in einer konventionellen Welt vom Seil zu fallen. Es gibt nur zwei Ausnahmen von diesem Seil und von dem Zwang, weit nach vorne zu schauen, um nicht zu fallen: Wenn ich allein in der Natur bin, kann ich meine Augen senken und allein mit Kunst kann ich meine Augen senken.

Für mich ist ein Tag einem Leben gleich. Nicht eine Stunde vergeht, ohne dass mein Gehirn mit voller Geschwindigkeit arbeitet; automatisch, unerschöpflich und unaufhörlich kreativ. Es gibt nie eine Pause. Mein Gehirn ist wie ein Sensor, der ständig Eindrücke erhält. So bin ich schon immer gewesen. Ich habe mich nicht in irgendeine Richtung entwickelt, seit ich Kind war. Ich habe immer die gleichen Gedanken gehabt, immer die gleichen Dinge gesehen, immer die gleichen Klänge gehört und die gleichen Emotionen gefühlt. Ich kann „alles" sehen und hören, aber es ist ein täglicher Kampf. Es bereichert mein Leben ungemein, aber es macht mein Dasein auch sehr dynamisch, denn neurotypische Menschen haben eine Tendenz, sich um das zu gruppieren, was ich als konformistische Lebenslügen oder Illusionen sehe. Für mich ist das dem Atmen in einem Vakuum gleich; ich kann keine Lebenslügen hegen. Ich kann eine Welt geleitet von Religionen und moralisierender Politik nicht akzeptieren, die dem Staat ungerechtfertigte Macht über das Individuum gibt.

Es ist unbedingt erforderlich, dass ich einen Weg finde, mit meiner Kreativität meinen Lebensunterhalt zu bestreiten.  Das ist eine große Herausforderung und beinahe unnatürlich, denn es verlangt von mir, in einem konventionellen Umfeld sozial und präsent zu sein. Ich kann dies nicht durchmachen, ohne zu riskieren, dass es einen psychologischen „Zusammenbruch" nach sich zieht. Ich bin Autodidakt; ich habe überhaupt keine formelle musikalische Ausbildung. Nicht, weil ich Ausbildung nicht anerkenne oder respektiere. Das Asperger-Syndrom hat es für mich sehr schwer gemacht, mit Dingen umzugehen, die andere als alltäglich und belanglos ansehen. Darum kann ich keiner konventionellen Arbeit nachgehen.

Ich wurde ohne „Filter" geboren und das zwingt mich, mit Vorsicht zu handeln und in meiner Auswahl und in der Art, wie ich interagiere, sehr selektiv zu sein. Alles, was ich tue, erledige ich auf eine andere Art: ohne Auffangnetz. Ich befinde mich letztlich außerhalb der konventionellen Welt auf einem Parallelweg, und ich existiere in meiner eigenen Umlaufbahn und kreise um die Erde.

Ich erlebe Euphorie und Verzweiflung; grenzenloses Hochgefühl und bodenlose Abgründe. Aber ich fühle mich überhaupt nicht manisch. Es gibt viele Dinge, die ich in diesem Leben nicht tun kann, aber ich mache ununterbrochen Kunst. Ich sehe, dass es eine bemerkenswerte Anzahl von Menschen mit autistischen Zügen gibt, die unglaubliche Kunst gemacht haben; das Gemälde, das Du bewunderst, fantastische Erfindungen oder die Musik, der Du nicht aufhören kannst, zuzuhören. Ich glaube, dass da ein „drittes Auge" im Spiel ist, eine zusätzliche Dimension, die ein reichhaltiges Erlebnis für das Publikum noch reichhaltiger macht; jemand, der für andere sieht; jemand, der die intellektuelle und philosophische Belastung übernimmt. Es gibt andere Künstler mit Asperger-Syndrom und es hat sie immer gegeben; ich bin in dieser Hinsicht nicht exklusiv. Ich möchte dazu beitragen, dem Asperger-Syndrom und dem Tourette-Syndrom ein menschliches Gesicht zu verleihen, auch wenn ich das Seil alleine gehe.

Beppe wurde mit Tourette-Syndrom
und Asperger-Syndrom diagnostiziert.
Die oft mit diesen Syndromen
verbundenen sozialen
Einschränkungen erklären vielleicht,
warum Beppe keine konventionelle
Musikausbildung hat.

So weit ich zurückdenken kann, habe ich meine Arbeit als eine Situation des Atmens wahrgenommen: des Einatmens von Eindrücken und des Ausatmens von Musik. Ohne Atmen kann man nicht leben. Das Wissen, dass ich einen dauerhaften Fingerabdruck in der Welt hinterlassen kann, macht mein Leben lebbar und nicht bedauernswert.


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