Flint Juventino Beppe und Philharmonia Orchestra. Foto: Morten Lindberg.

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Maestro für einen Tag – Teil I / 2

Wer hätte gedacht, dass dieser Wintertag im Januar 2008 zu einem Meilenstein würde in einem schon vorher überwältigenden Leben?
Nun, erst einmal ein paar Worte über das Projekt an sich: Die Aufnahme mehrerer neuer Orchesterwerke mit dem gefeierten Pianisten und Dirigenten Vladimir Ashkenazy und dem Londoner Philharmonia Orchestra innerhalb eines strikten Zeitlimits war aufregend und – für mich – nicht abzuschätzen. Ich hatte zuvor mit einer Ausnahme keines der Werte aufgeführt gehört, hatte noch nicht einmal die Noten mit einem Orchester getestet. Allerdings muss ich hinzufügen, dass ich bis heute noch nie überrascht worden bin davon, wie die Musik live klingt, nachdem ich die Noten in einer Sauna, in der Natur oder wo auch immer es passte, niedergeschrieben hatte. Dies allein war also nicht wirklich ein großes Thema für diese zwei Tage, in denen wir ein ganzes Album mit fünf FJB Werken für ein großes Symphonieorchester aufnehmen wollten.

Das Einzige dieser Werke, das ich zuvor live gehört hatte, war «Flute Mystery» Op.66a, die Altflötenversion, die dem Flötisten Sir James Galway gewidmet ist, der das Werk 2006 mit dem National Symphony Orchestra unter Leonard Slatkin in Washington DC uraufgeführt hat. Auf diesem Album nun ist es die C-Flöten-Fassung von «Flute Mystery», Op. 66b, die aufgeführt wird.

Es ist eines der vielen Geheimnisse des Lebens, dass einige Menschen zur künstlerischen Verständigung anscheinend nicht ständiger Kommunikation bedürfen. Kurz nach meinem allerersten Kontakt mit Ashkenazy im Alter von 17 Jahren wurde er zu einer Art musikalischer Vaterfigur für mich, der mich mit seiner Integrität unterstützte. Ich war und bin seinem "dritten Auge" sehr verbunden, das seinen Auftritten ein einmaliges Charisma verleiht. Daher fühlte ich mich geehrt, mit einem solch überragenden Musiker zusammenarbeiten zu können.


Catherine Beynon und Flint Juventino Beppe. Foto: Morten Lindberg.
Am ersten Tag liefen die Aufzeichnungen sehr gut, wir machten Aufnahmen von «Flute Mystery» Op.66b und «Flute Concerto No.1» Op.70, die ich aufrichtig als authentisch beschreiben würde. Schließlich erfolgten sie in Anwesenheit des Komponisten und mit einem Dirigenten, der den Komponisten sehr gut kennt, sowie mit erstrangigen Musikern und dem mehrfach preisgekrönten Schallplattenlabel 2L, die in Hinsicht auf die Tonqualität unerbittlich sind, dabei aber gleichzeitig innovativ, wenn es um das Erleben von dreidimensionalem Klang geht.
 
Der Produzent Morten Lindberg arrangierte das Orchester als einen geschlossenen Kreis um den Dirigenten herum, sodass die Balance der Noten als eine bestimmte, maßgeschneiderte Landschaft auf das Publikum treffen würde. All diese Details basierten auf der Aufnahmeerfahrung von 2L und sowohl das Orchester als auch der Dirigent nahmen die ungewöhnliche Platzierung der Instrumente als eine positive Herausforderung. Die Leitidee war es, dass das Orchester nun die Hörer "umarmen" würde, anstatt dass man das Orchester frontal vor sich spielen hört.   

Die Flötistin Emily Beynon, erste Flötisten des Amsterdamer Concertgebouw Orchesters und ihre Schwester, die Harfenistin Catherine Beynon, waren die Solisten. Das Philharmonia Orchestra — ein unglaublicher Klangkörper mit seinem eigenen unverwechselbaren Klang, den ich auf verschiedenen Alben der letzten Jahrzehnte genießen konnte — waren das weitere Humankapital bei diesem Projekt. Insgesamt wurde dieser erste Tag zu einem feierlichen Moment für mich als Komponist, den Aufnahmen mit solch herausragenden Kräften beizuwohnen.

Am Ende des ersten Tages erhielt ich jedoch eine völlig unerwartete Nachricht. Auf meinem Weg zurück in mein Hotel rief mich Ashkenazys Ehefrau an und teilte mir mit, dass der Maestro plötzlich fiebrig erkrankt sei und deshalb beim zweiten und letzten Tag der Aufnahmen nicht anwesend sein könne. Selbstverständlich galten meine Gedanken zuallererst Ashkenazys Zustand. Ich hatte große Angst, dass es sich um eine ernsthafte Erkrankung handeln könnte. Dann richtete ich mein Denken auf unser Projekt, das nun vor einer Krise stand. In solchen Situationen arbeitet das Gehirn unablässig, um einen Ausweg zu finden. Wir hatten nicht viel Zeit — und auch keine Ausweichlösung. Kein anderer Dirigent konnte einspringen. Wir hatten nur noch den nächsten Tag, um die Aufnahmen fertigzustellen. Wir saßen anscheinend in der Falle.

Vladimir Ashkenazy teilte mir durch seine Frau mit, dass er mich als die erste Wahl ansah, um das Dirigieren am zweiten Tag zu übernehmen. Ich verlor fast den Verstand. Ich? Ich hatte noch nie auch nur das kleinste Symphonieorchester dirigiert — oder, was das betrifft, irgendein Orchester. Was es noch schlimmer machte, ich bin kein sozial besonders aufgeschlossener Mensch; ich bin nicht gut darin, Dinge spontan anzugehen. Und bei diesem Projekt hatten wir das Philharmonia Orchestra, eines der besten Orchester der Welt, zur Verfügung, seit meiner Kindheit von mir persönlich hoch geschätzt. Es stand viel auf dem Spiel hier.

Ich war erst einmal entsetzt über die Verantwortung, ein Gefühl, das sich aber allmählich in Euphorie verwandelte. Der Produzent Morten Lindberg stellte sich hinter den Vorschlag Ashkenazys. Wir saßen spät abends im Taxi. Der Produzent und ich trafen die Entscheidung zusammen: Ich würde selbst dirigieren müssen. Nicht nur, weil niemand sonst einspringen konnte, sondern auch, weil tief in mir ein Perfektionist schlummert und ich darüber hinaus die Werke, die wir aufführen sollten, genauestens kannte. Ferner bedeutete auch die Tatsache, dass Ashkenazy mich persönlich vorgeschlagen hatte, sehr viel. Allerdings zählt das Bewegen meines Körpers und meiner Arme nicht zu meinem natürlichen Körpersprachen-Repertoire. Wie sollte ich nur den 3/4-Takt dirigieren — einen Walzer?

Flint Juventino Beppe





Diese Geschichte geht weiter hier.

Ursprünglich gepostet am HELLO STAGE


Published January 9, 2016

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