Catherine Beynon und Emily Beynon. Foto: News on Request AS.

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Maestro für einen Tag – Teil 2 / 2

Nach einem erfolgreichen ersten Aufnahmetag mit Maestro Vladimir Ashkenazy und dem Londoner Philharmonia Orchestra, wurde der zweite und letzte Tag ziemlich dramatisch.
(Lesen Sie Teil I hier, wenn Sie ihn verpasst haben sollten!)

In der Nacht vor dem 2. Tag der Aufnahmen schlief ich sogar besser als sonst. Schlaf und ich sind normalerweise zwei Extreme, die nicht so gut zusammenpassen. Vielleicht führten der Adrenalinkick sowie eine Mischung aus Schock und Euphorie vom Vorabend dazu, dass mein Körper in sich "zusammensank" um irgendwie die Verantwortung des nächsten Tages übernehmen zu können? Die Einspielungen des ersten Tages, die Aufnahmen von Flötenmaterial mit der Flötistin Emily Beynon und ihrer Schwester, der Harfenistin Catherine Beynon als Solisten, waren problemlos abgelaufen. Die Tatsache, dass der Dirigent Vladimir Ashkenazy direkt im Anschluss fiebrig erkrankt war, war für mich natürlich sehr traurig und emotional belastend.

Wir mussten jedoch weitermachen und das Projekt auf irgendwie stilgerecht beenden. Vladimir Ashkenazy hatte mich persönlich als Vertretung benannt. Das Amsterdamer Concertgebouw Orchester und das Londoner Philharmonia Orchestra sind seit meiner Kindheit meine beiden Lieblingsorchester, aufgrund ihres unverwechselbaren Klangs und der langen Zusammenarbeit mit hochgeschätzten Künstlern wie Bernard Haitink und Vladimir Ashkenazy. Wie bereits zuvor erwähnt, reicht mein Kontakt mit Ashkenazy bis zu meinen Jugendtagen zurück, sodass es ein ziemlich besonderer Moment für mich war, als das Flute Mystery Aufnahmeprojekt Mit dem Philharmonia Orchestra und Ashkenazy selbst als Dirigent Wirklichkeit werden sollte; darüber hinaus noch mit Emily Beynon, der ersten Flötistin des Concertgebouw Orchestra, als Solistin in «Flute Mystery» Op.66b und in «Flute Concerto No.1» Op.70, das ihr sogar gewidmet ist.

Am zweiten Tag kamen der Produzent Morten Lindberg und ich frühmorgens im Watford Colosseum im Norden Londons an, einem historischen Veranstaltungsort, der bekannt ist für seine einmalige Akustik und verschiedene sehr gefeierte Soundtrackaufnahmen, wie zum Beispiel das Musical The Sound of Music aus den 60er Jahren. Wir machten einen Spaziergang durch die Halle, um ein Gefühl für die kommenden Aufgaben zu bekommen. Eine Stunde später würden wir uns in eine komplett surreale Situation stürzen müssen. Einige Musiker waren schon im Haus eingetroffen aber noch wusste niemand, dass Ashkenazy krank geworden war und dass sie gleich einen Ersatz haben würden, der noch nie zuvor ein Symphonieorchester dirigiert hatte — auf welcher Ebene auch immer.

Als Test stellte ich mich ans Dirigentenpult und tat so, als ob Produzent Lindberg das Orchester sei, um zu sehen, ob ich mich an die Rolle des Dirigenten gewöhnen könnte. Ich stellte schnell fest, dass ich elementare Verständigungsschwierigkeiten hatte: Ich versteckte ständig meinen Kopf hinter meinen Armen. Lindberg sagte mir, ich solle meine Arme gerade ausstrecken, damit meine Augen und mein Gesicht sichtbar blieben. Da spürte ich, wie es sich anfühlen muss, in einem Orchester zu sitzen und wie wichtig es ist, freie Sicht auf Arme und Gesicht eines Dirigenten zu haben. Dieser Crashkurs und die Unterstützung des Produzenten Lindberg würden für den Rest des Tages entscheidend werden.

Das aufzunehmende Programm bestand aus drei Sinfonischen Dichtungen: «Pastorale» Op.32 No.1, «Vicino alla Montagna» Op.58b und «Warning Zero» Op.54b. Alle sind für eine breite Palette von Besetzungen geschrieben und sind durchweg anspruchsvolle Stücke, gespickt mit heiklen Rhythmuswechseln und virtuosen Passagen. Ich hatte diese schwierigeren Werke sogar extra bei der Planung für den letzten Tag zurückgehalten, damit sich Orchester und Dirigent am ersten Tag für sie "aufwärmen" konnten. Stattdessen befand ich mich nun in einer Situation, in der ich die Verantwortung für diese Wahl — vom Podium aus — persönlich übernehmen musste, Auge in Auge mit ungefähr 100 ultraprofessionellen Musikern.

Als alle Musiker zusammengekommen und bereit für die erste Aufnahme des Tages waren, informierte sie der Inspizient des Orchesters über Ashkenazys plötzliche Erkrankung und Abwesenheit und lenkte dann die Aufmerksamkeit auf mich. Diese Schritte aus dem Hintergrund aufs Podium waren extrem surrealistisch. Als ich das Philharmonia Orchestra über meinen völligen Mangel an Erfahrung als Dirigent von Symphonieorchestern informierte, wurde hörbar nach Luft geschnappt. Zum Glück verwandelte sich diese Unsicherheit schnell und entwickelte sich zu einer sehr konstruktiven Atmosphäre: Das Orchester würde mir bei meinem Versuch, die letzten Werke fertig aufzunehmen, beistehen. Wir hatten jedoch nur einige Stunden. Die fantastische Einstellung der Musiker und ihre musikalische Professionalität waren auf jeden Fall ein entscheidender Faktor beim Erreichen unseres Ziels.

Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, haben wir es tatsächlich geschafft, alle Werke aufzunehmen — es war das Resultat einer fein abgestimmten Zusammenarbeit zwischen dem Produzenten Morten Lindberg, dem Orchester und mir selbst als Aushilfedirigent. Am Ende des Tages war sogar noch etwas Zeit übrig. Natürlich habe ich viele umständliche und ungewöhnliche Körperbewegungen gemacht, aber das Orchester war sehr kooperativ und die Spieler baten oft um die Erklärung von Details oder darum, dass ich meine Armbewegungen verändern solle um eindeutiger zeigen zu können, was der erste, zweite und dritte Schlag und so weiter waren. Der Perfektionist in mir und meine Kenntnis der Werke waren selbstverständlich sehr nützlich, aber ich hatte diese Werke noch nie wirklich live aufgeführt gehört; bis zu diesem Moment hatten sie lediglich als Töne in meinem Kopf und als Noten auf dem Papier existiert.

Danach fühlte ich mich beinahe froh über das Geschehene. Ich muss sagen, dass es überaus euphorisch für mich war, auf diese Art mit Musik arbeiten zu können — auf dieser Ebene. Ich trug mich sogar mit dem Gedanken, eine neue, zusätzliche Karriere als Dirigent zu beginnen. Dennoch habe ich bis heute nach diesem Tag in Watford nichts mehr dirigiert.



Das TV-Dokumentarfilm-Team News on Request, die als Beobachter vor Ort waren, haben wirklich unerwartete Dramatik aufzeichnen können. Als sie später ihren Film Exhaling Music veröffentlichten, wurde die Produktion international preisgekrönt, vermutlich zu einem großen Teil aufgrund der Ereignisse an diesem zweiten Tag in Watford. Dramen wie dieses ergeben gutes Fernsehen.

Ich bin allen Beteiligten, die diese Produktion möglich gemacht haben, sehr dankbar: Vladimir Ashkenazy, Emily Beynon, Catherine Beynon, das Philharmonia Orchestra, Produzent Morten Lindberg, Lindberg Lyd AS (2L), Symbiophonic AS, Erling, Randi, sowie andere Freunde und Assistenten, die am Planungs- und Aufnahmeprozess beteiligt waren.

Einige Zeit später, als ich die Nachricht erhielt, dass das Album Flute Mystery für einen Grammy nominiert worden war, dachte ich bei mir, dass wir an diesen zwei Wintertagen damals im Jahr 2008 etwas richtig gemacht haben müssen.

Flint Juventino Beppe
Komponist (und Maestro für einen Tag)

Ursprünglich gepostet am HELLO STAGE



Published January 9, 2016

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